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Freifunk auf dem Backnanger Straßenfest

In der Backnanger Freifunk-Community hat sich dieses Jahr einiges ereignet:

  • Am 3. Januar 2019 veröffentlichte die Backnanger Kreiszeitung (BKZ) einen Artikel über Freifunk. Danach haben wir, die Backnanger Freifunker, uns ein Stück weit „neu erfunden“, indem wir stärker zusammen gerückt sind.
  • Mitte Januar wurde dem Verwaltungs- und Finanzausschuß (VFA) von der Stadtverwaltung eine Entscheidungsvorlage vorgelegt, nach dem ein öffentliches WLAN am Backnanger Bahnhof durch Unitymedia errichtet und betrieben werden sollte. Vorausgegangen waren einige Bemühungen, am Bahnhof ein Freifunk-WLAN aufbauen zu können. Nach Kontakten zu diversen Gemeinderatsmitgliedern wurde die Entscheidungsvorlage aber einstimmig mit der Maßgabe abgelehnt, vor Entscheidung durch den VFA ein Vergleichsangebot bei Freifunk Stuttgart e.V. einzuholen. Die BKZ berichtete darüber sehr wohlwollend.
  • Dieses Angebot wurde der Stadt Backnang dann Ende Februar unterbreitet. Keine Überraschung: das Freifunk-Angebot war sowohl deutlich preiswerter als auch technisch besser als das von Unitymedia. Man sollte also meinen, dass alles auf einen Zuschlag in Richtung Freifunk hätte hinauslaufen sollen…
  • Nach Vorliegen der Angebote wurde am 14. März 2019 hinter verschlossenen Türen über das WLAN am Bahnhof beraten. Diesmal wurde ein komplett neues Kaninchen aus dem Hut gezaubert, nach dem ein öffentliches WLAN am Bahnhof möglicherweise einen „Brennpunkt“ schaffen würde. Dazu wurde in der Sitzung ein Artikel der Ludwigsburger Kreiszeitung vom 14. März verteilt, nach dem durch das WLAN dort Probleme in Bezug auf die öffentliche Ordnung aufgetreten seien. Worauf die Stadtverwaltung nicht hinwies und was die Gemeinderäte beim Beraten nicht bemerkt haben: dieser Artikel war auf den Tag genau 1 Jahr alt, und in der Sitzung entstand der Eindruck eines akuten Problems in Ludwigsburg. Dem war ja aber gerade nicht so… Lange Rede, kurzer Sinn: es wurde beschlossen, das Projekt vorläufig erst einmal auf Eis zu legen. Wieder berichtete die BKZ sehr freundlich.

Wir haben daraufhin überlegt, wie wir der Öffentlichkeit zeigen können, wozu wir in der Lage sind. Das Backnanger Straßenfest ist sowas wie die fünfte Jahreszeit in Köln: Ausnahmezustand in der Innenstadt mit vielen tausenden Besuchern aus Nah und Fern. In der Vergangenheit hat das wiederholt auch dazu geführt, dass das Mobilfunknetz kaum mehr nutzbar war. Wenn man nun das Straßenfest mit Freifunk „bewellen“ würde… Die Idee war schnell da, aber wie umsetzen?

Nach den geschilderten Erfahrungen wollten wir uns eben nicht primär auf die Stadt Backnang oder das Stadtmarketing abstützen, es sollte eine gemeinschaftliche, unabhängig organisierte Aktion sein. Und dazu braucht es Unterstützer, die einem Strom, einen Internet-Uplink und Örtlichkeiten für die Accesspoints zur Verfügung stellen. Und zudem sollten diese Unterstützer günstig gelegen sein, um größere Plätze abzudecken. Also sind wir „tingeln“ gegangen und haben persönliche Kontakte genutzt, um lokale „Größen“ für unsere Idee zu gewinnen. In der zweiten Aprilhälfte war dann schnell klar, dass dieser Ansatz aufgehen würde. Wir konnten die Unterstützung gewinnen von:

Von den großen Plätzen und Anlaufstellen blieb damit nur der Marktplatz ausgespart.

In Planungstreffen entstand dann recht schnell ein grobes Gesamtkonzept. Bei jedem der Sponsoren sollte ein Offloader den Traffic ins Internet bringen, wobei wir überwiegend auf Futros (günstige, gebrauchte Kleincomputer) zurückgegriffen haben; Margau und Jo hatten diese unter seine Fittiche genommen und mit separater IPv6-Ausleitung konfiguriert. (Das ist einen separaten Bericht von den beiden wert.) An jedem Standort gab es einen Verantwortlichen für die Planung, Konfiguration und Aufbau der Accesspoints (APs), in Summe ungefähr 25 bis 30 Stück. Dabei gab es zwei Highlights.

Da das Café Weller wie große Teile der Backnanger Innenstadt unter einer sehr bescheidenen Internet-Anbindung leidet (wenig Kabelanschlüsse; VDSL mit typisch 25 MBit/s), haben wir eine Richtfunkverbindung (NanoBeam aus Vereinsbeständen) zwischen der Volksbank und Café Weller aufgebaut, um den deutlich performanteren Uplink der Volksbank mit zu nutzen. Dadurch entstand ein größeres Netzwerk mit zwei parallelen Offloadern. Dass der Richtfunk-Link funktionieren würde, war nicht von vornherein sicher, denn bei der Volksbank konnten wir die Station nicht an der Außenfassade befestigen, sondern mußten durch eine metallbedampfte Fensterscheibe funken. Und dann war in Richtung Café Weller noch dieser große Baum… Also mußte eine selbstgezimmerte Holzkonstruktion her, um die Station bei Café Weller ca zwei Meter oberhalb des höchsten Giebelfensters allein mit Spannseilen durch die Fensterspalte anzubringen. Und das ungefähr 12 Meter direkt oberhalb der Fußgängerzone.

PowerBeam und Ubiquity AC Mesh auf dem Breakdance (rot), Plastiktüte (grün)

Die Gebäude der BKZ thronen hoch oben über der Bleichwiese, wo traditionell die Fahrgeschäfte aufgebaut werden. Freifunk über mehr als 50 Meter in guter Qualität zur Verfügung zu stellen ist nicht ganz einfach. Daher haben wir auch hier auf eine Richtfunkstrecke (PowerBeam, ebenfalls Vereinsbestände) zurückgegriffen. Da die Fahrgeschäfte immer kurzfristig aufgebaut werden, war hier spontane Improvisation gefordert. Zwei Abende vor der Eröffnung des Rummels sind wir beim Aufbau auf die Betreiber der Fahrgeschäfte zugegangen und konnten diese innerhalb kürzester Zeit an Bord holen. Denn öffentliches WLAN ist für sie ebenfalls ein „Gewinn“, natürlich für deren Gäste, aber auch zum privaten Streaming von Spotify & Co. Der Richtfunk mit zugehörigem AP war für uns unzugänglich, da diese in ca. 6 Meter Höhe am Fahrgeschäft montiert wurden. Und dort wollten uns die Betreiber nicht herumklettern lassen. Montage, Ausrichtung des Richtfunks und endgültige Verkabelung haben daher die Fahrgeschäftsbetreiber für uns gemacht. Die 230VAC-Verkabelung verschwand schlicht in einer Plastiktüte.

Zweite AC Mesh (rot); Anbindung per 5GHz zum AC Mesh auf dem Breakdance

Nachdem dann am Mittwoch den 20. Juni nachmittags der allergrößte Teil unseres Aufbaus erledigt war, kam am Donnerstag Nachmittag eine Bewährungsprobe der anderen Art: Gewitter mit starken Böen und Hagelkörnern in der Größe von Haselnüssen. Die gesamte Installation lief prima durch, nichts ist abgesoffen. Und Schäden gab es gottlob nur bei mir zu Hause: ein Erdblitz in 50 Metern Entfernung hat mein VDSL-Modem inklusive Netzteil und den nachgelagerten Router (APU1D von PC Engines) in die ewigen Jagdgründe befördert.

Nach Eröffnung des Straßenfestes am Freitag Abend erfolgte dann auch gleich der größte Ansturm: wir hatten bis zu 850 gleichzeitig eingebuchte Clients im Netz: Dashboard-Snapshot. Bis Montag Abend wurden dann insgesamt ca. 800 GByte an Daten übertragen. Das Netz wurde also gut angenommen.

Der Abbau der Installationen war anschließend vergleichsweise unspektakulär, aber auch hier mußten wir uns insbesondere mit den Fahrgeschäften auf der Bleichwiese eng abstimmen, da dort der Abbau bereits in der Nacht von Montag auf Dienstag also unmittelbar nach Ende des Straßenfestes startete.

Was bleibt?

  • Erst einmal eine tolle Erfahrung für uns als Community. Das Projekt hat uns viel Spaß gemacht;
  • Wir können etwas leisten: wir sind in der Lage, auch größere temporäre Installationen zu meistern;
  • Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit;
  • Einiges sehr freundliches Feedback von sehr verschiedenen Leuten;
  • Erneut eine sehr freundliche Presse;
  • Hoffentlich ein wenig Rückenwind bei zukünftigen Gesprächen mit Vertretern der Stadt, wobei die Gemeinderäte von Anfang an recht aufgeschlossen waren…
  • Gestärkt durch dieses Projekt werden wir natürlich auch zukünftig auf Veranstaltungen wie dem Backnanger Straßenfest uns als Freifunk engagieren.

Mal sehen, ob und in welchem Rahmen es eine Neuauflage im nächsten Jahr geben wird 😉

Wir möchten die Gelegenheit nutzen, uns bei allen Unterstützern zu bedanken. Das sind neben den oben genannten Backnanger Institutionen und dem Verein auch Are und Railgun, die uns diverse Hardware geliehen haben. Last but not least hoffen wir, dass unsere Erfahrungen in die Community zurückfließen. Falls Ihr Fragen habt, sprecht uns an.

Freifunk Stuttgart auf dem Heusteigviertelfest

Vergangenes Wochenende fand das 37. Heusteigviertelfest im Stuttgarter Süden statt.
Wie im letzten Blogartikel berichtet, war der Freundeskreis Süd mit einem Infostand vertreten, um über ihr ehrenamtliches Engagement in den Flüchtlingsunterkünften vor Ort zu informieren. Unter anderem das Frauenfrühstück, Kinderbetreuung oder die Kleiderkammer, wofür beispielsweise aktuell keine Kleiderspenden gesucht werden, sondern Menschen, die ehrenamtlich die Kleiderausgabe betreuen können. Neben diesen Bereichen gibt es seit dem 24.6. auch Freifunk in einer Flüchtlingsunterkunft im Stuttgarter Süden. Hierfür hat der Freundeskreis Spenden gesammelt und alles organisiert, um einen DSL-Anschluss vor Ort zu bekommen und diesen zu finanzieren.

Infostand des Freundeskreis Süd
Infostand des Freundeskreis Süd

Von uns Freifunkern waren Flip und Christoph (zu Anfang) vor Ort. Um aber nicht nur über Freifunk zu informieren, hat Flip Franks Demonode ausgeliehen, welcher schon bei der Steinlachmesse in Mössingen zum Einsatz kam. Somit konnten wir den Besuchern via LTE-Router Zugang zum Freifunk Stuttgart Netz ermöglichen.

Franks Demonode samt LTE-Router
Franks Demonode samt LTE-Router

Unabhängig vom Freundeskreis Süd kam noch eine telefonische Anfrage bei Thomas von der Karnevalsgesellschaft Gesellschaft Möbelwagen e.V. rein, welche ebenfalls auf dem Heusteigviertelfest vertreten waren und ihren Besuchern gerne Freifunk angeboten hätte. Dank des Demonodes und der Nähe des Standes (ca. 30 m), konnten wir dort einen weiteren Freifuk-Router einstecken und dank Mesh (WLAN-Verbindung der Router) konnten auch dort die Besucher versorgt werden.
Nachdem der Infostand des Freundeskreises Süd am frühen Abend abgebaut wurde, ging es bei der Gesellschaft Möbelwagen bis Mitternacht weiter. Flip hat den Demonode beim Infostand ab- und bei der Gesellschaft Möbelwagen wieder aufgebaut. Frank hat für beide Nodes eine kumulierte Nutzergrafik erstellt. Als der eine Freifunk-Router nicht mehr benötigt wurde, gibt es eine kurze Lücke, welche Frank interpoliert hat (farbig hervorgehoben).

Nutzerstatistik für das Heusteigviertelfest
Nutzerstatistik für das Heusteigviertelfest

Ohne viel Werbung für das Freifunkangebot waren immer zwischen fünf und zehn Endgeräte verbunden. Gegen Ende hat es sich wohl etwas herumgesprochen, so dass knapp 20 Endgeräte online waren.
Vielen Dank nochmals an den Freundeskreis Süd, dass sie über ihr WLAN und somit über uns informiert haben und wir an deren Stand auch etwas über Freifunk informieren durften – mit vielen positiven Rückmeldungen. Teils gar messbar. Denn seit dem Heusteigviertelfest gibt es zwei neue Standorte im Stuttgarter Süden 😀

Falls jemand „sein“ Straßenfest mit Freifunk versorgen möchte, informieren wir gerne und unterstützen dies. Am besten und einfachsten ist es, wenn es vor Ort in der Nähe des Festes einen Internetanschluss gibt, der verwendet werden kann.

2. Stuttgarter Flüchtlingsheim mit Freifunk

Was lange währt, wird endlich gut. Wie im letzten Blogartikel angekündigt, wird nun seit dem 24.06.2015 ein Flüchtlingsheim im Stuttgarter Süden mit Freifunk versorgt.
Möglich gemacht hat dies das Engagement des Freundeskreis Süd, insbesondere von Gido und Reinhard. Beide waren bereits seit längerem auf der Suche den Menschen in der Unterkunft kostengünstig Zugang zum Internet zu ermöglichen ohne rechtliche Bedenken für den Anschlussinhaber. Dank des Artikels im Lift Magazins wurde Reinhard auf Freifunk aufmerksam und prompt sind beide zu unserem Februartreffen im shackspace gekommen.
Dort konnten wir viele Fragen beantworten und gemeinsam nach einer Lösung suchen. Klar war, für Freifunk ist ein Internetanschluss vor Ort oder aus der Nachbarschaft notwendig. Dieses Problem galt es zu lösen. Nach vielen Gesprächen und diversen Schriftwechseln konnte Gido eine Lösung finden: Der Freundeskreis bekam die Erlaubnis einen DSL-Anschluss installieren zu lassen. Dieser Anschluss sowie der Freifunk-Router wird durch Spenden des Freundeskreises finanziert. Diesen Freifunk Router hat Flip konfiguriert.

Am Mittwoch sollte der Internetanschluss freigeschaltet werden. Nachmittags haben sich dann Gido und Reinhard vom Freundeskeis, sowie Flip und Christoph von den Freifunkern vor Ort getroffen. Gido hat noch den DSL-Router eingerichtet und Flip konnte direkt den Freifunk-Knoten einsöpseln.

Das Ergebnis sah folgendermaßen aus:

Drei glückliche Freifunker (cc-by-nc-nd Reinhard Otter)
Drei glückliche Freifunker (Creative Commons License Reinhard Otter. Dieses Bild steht unter Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International License.)

Mit der jetzigen Konfiguration wird der Gemeinschaftsraum und Teile der Unterkünfte versorgt. Bereits am Mittwoch wurde das Angebot dankbar von den Bewohnern angenommen. So dass es auch hier ein Stück digitale Gastfreundschaft angekommen ist.

Unser neuer Aufsteller "Digitale Gastfreundschaft"
Unser neuer Aufsteller „Digitale Gastfreundschaft“

Über einen weiteren Ausbau des Netzes wird nachgedacht, damit die Flüchtlinge auch in ihren Zimmern das Freifunk-Netz nutzen können. Hierzu wäre allerdings mehr Bandbreite sinnvoll. Es gibt bereits Überlegungen der Bewohner, Teile des eingesparten Geld für mobiles Internet zu nutzen und in mehr Bandbreite und Freifunk-Knoten zu investieren. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass direkte Nachbarn etwas Bandbreite via Freifunk teilen.
Wer mehr Informationen zur Arbeit des Freundeskreises und zu deren WLAN-Projekt mit Freifunk haben möchte oder ein Teil seines Internets zur Verfügung stellen hat, hat morgen dem 27.06.2015 auf dem Heusteigviertel Straßenfest Gelegenheit dazu. Der Freundeskreis Süd wird dort Höhe Mozartstraße 32 von 13-18 Uhr mit einen Infostand vertreten sein. Vor Ort wird temporär ein mobiler Freifunk-Zugang vorhanden sein.

Diese Lösung zeigt, dass es ähnlich wie in Gomadingen auch in Stuttgart funktionieren kann. Also durch eine Privatinitiative kann ein DSL-Anschluss sowie die Hardware finanziert werden und mit der Freifunk-Technologie der Zugang ins Netz risikolos ermöglicht werden. Dauerhaft wäre es natürlich schön, wenn sich von politischer Seite etwas ändern würde, dass solche Konstrukte nicht mehr notwendig sind. Doch bis dahin kann diese Einrichtung hoffentlich als Modell für weitere Stuttgarter Flüchtlingsunterkünfte dienen.